Pathfinder: Endlose Horizonte - Kapitel 1: Eden

In einem tropischen Regenwald breitet sich ein Feuer aus. Flammen umschlingen Bäume, Sträucher und Kletterpflanzen. Der Hall von Explosionen und Schüssen schallt dumpf durch die üppige Vegetation. Inmitten des brennenden Dschungels flüchtet eine Gruppe Soldaten durch den dichten Rauch. Immer wieder werden sie von Pfeilen beschossen und getroffen. Sie flüchten vor einer dunklen Gestalt. Einem maskierten Mann, militärisch gekleidet und in ein schwarzes Gewand mit Kapuze gehüllt. Bewaffnet ist er mit Pfeil und Bogen. Schnell und zielsicher schaltet er die Soldaten nacheinander aus, bis nur noch einer übrig ist. Der Soldat stolpert über eine Wurzel, stürzt zu Boden und dreht sich panisch um. Alles, was er sieht, ist wie der gespannte Bogen auf ihn zeigt, die Sehne gelöst wird und der Pfeil auf ihn zurast. Was zunächst wie Bilder eines Albtraums scheint, sind allerdings düstere Erinnerungen.

Es ist der Anfang des Jahres 2336. Auf einem fernen und heißen Wüstenplaneten erstreckt sich ein roter Zwergstern über den halben Horizont. Dort herrschen Temperaturen jenseits von 180 °C. Zerklüftete Felsen, untergehend in Dünen, verstreuen sich überall in der rostroten Landschaft. In einer Ebene ist der Ferne Umriss eines sich schnell bewegenden Motorrads zu erkennen. Der felsige Boden unter den Reifen zersplittert wie brüchiges Glas. Auf dem Fahrzeug sitzt eine Person in einem Raumanzug. Ein Anzug bestehend aus kantigen Rüstungsplatten mit sandfarbenen Tarnmuster. Der Helm sowie die Platten dieser Rüstung laufen dreieckig zusammen, sodass die die eckigen Kanten stets nach vorne gerichtet sind. Laute Rockmusik dominiert die Funkanlage des Helms, während der Fahrer in breiten Schluchten sandige Dünen und poröse Felsen überquert. Auf dem Plateau eines langen und ebenen Tafelberges angekommen, fliegt ein dunkler Schatten über ihn hinweg. Es ist der Schatten eines tiefschwarzen Raumschiffes. Kurz vor dem Ende des Berges dreht das Schiff in der Luft, wo es am Rande einer Klippe zu schweben beginnt. Als sich der Hangar am vorderen Rumpf des Schiffes öffnet, springt der Fahrer mit dem Motorrad über den felsigen Abgrund und hinein ins Schiff. Dabei entsteht eine rote Bremsspur auf dem Boden. Das Tor des Hangars schließt sich unmittelbar, woraufhin der Mann auf dem Motorrad seinen dampfenden Helm abnimmt.

Sein Name ist Connor Raven. Ein junger Mann mit blauen Augen und einem schlichten Dreitagebart. Seine üblicherweise kurze braune Sturmfrisur ist in Schweiß getränkt, wobei ihm einzelne Schweißperlen die Stirn hinunterlaufen. Seit einem Jahr ist Raven der Commander des wohl bekanntesten und schnellsten Schiffes der Menschheit. Der sogenannten „Black-Arrow“. Ein geheimnisvolles Schiff mit dem Auftrag, den unkartierten Weltraum zu erkunden, Rohstoffquellen ausfindig zu machen und neue Lebensräume auf fremden Planeten zu erschließen. Zudem steht es für militärische Operationen und dringliche Transportaufträge zur Verfügung.

Gleich nach Ravens Ausflug auf die Planetenoberfläche, treffen zwei Besatzungsmitglieder im Hangar ein. Darunter seine Deckoffizierin Riley Hunter und der Kommandosoldat, Jack Murphy.

Murphy: „Willkommen zurück, Commander. War die Erkundung erfolgreich?“

Raven: „Erfolg würde ich es nicht nennen. Dort unten existiert nicht viel und ich bezweifle, dass es sich lohnen würde in dieser Umgebung eine Bergbaustation zu betreiben. Aber das ist letztendlich nicht meine Entscheidung. Ich muss dem Vorsitzenden der PRC wohl im Bericht melden, dass ein Rohstoffabbau nicht zu empfehlen ist.“

Murphy: „Unsere Scans der Oberfläche geben uns leider auch keine vielversprechenden Daten. Allerdings hat Hunter eine Nachricht erhalten, welche Sie interessieren könnte.“

Hunter: „Korrekt. Die Nachricht ist von einem Journalisten und Historiker, der zuvor an Universitäten unterrichtete. Er behauptet, er hätte einen wichtigen Auftrag für uns und bat um ein persönliches Treffen auf Initium Novum. Es geht wohl um die Menschheitsgeschichte.“

Raven: „Ein Journalist? Schon wieder? Ich sehe mir das gleich an. Ich komme, sobald ich hier fertig bin.“

Der Commander schiebt sein Motorrad bei Seite und säubert es grob vom kohleartigen Sand und Gestein. Gleich im Anschluss begibt er sich hinauf zum Kommandodeck und auf die Brücke des Schiffes. An dem großen, runden Holodesk in der Mitte des Raumes liest Raven die Nachricht des Journalisten auf einem Bildschirm. Obwohl er der Presse gegenüber abgeneigt ist und die Nachricht am liebsten ignorieren würde, antwortet er und stimmt einem Treffen auf dem Mond „Initium Novum“ zu, wo er voraussichtlich in einer Woche eintreffen wird. Nach dem Absenden der Antwort überprüft Raven den Status der Black-Arrow sowie der aktuellen Mission, woraufhin er sich an seine Besatzung wendet.

Raven: „Hier wären wir fertig. Unsere Energiereserven neigen sich dem Ende zu. Ich schlage vor, wir laden sie zunächst wieder auf, bevor wir anschließend einem der äußeren Planeten des Systems noch einen Besuch abstatten müssen.“

Er geht am Holodesk vorbei und zum Pilotensitz. Dort sitzt sein Pilot, Tom Javis, der in diesem Moment das Schiff auf den nächsten Zielort ausrichtet. Im Zentrum der Fenster ist nun der rote Zwergstern zu sehen. Während diese Sonne in den Fokus rückt, verdunkeln sich die schwarzen Glasscheiben automatisch, um das helle Licht zu dimmen.

Javis: „Schilde sind stabil, Solarflügel bereit.“

An der Außenseite der Black-Arrow befinden sich vier schwer gepanzerte Solarflügel, welche alle etwa um 45 Grad zur Schiffsmitte angewinkelt sind.

Javis: „Wir sind so weit, Commander.“

Raven: „Gut. Los geht’s!“
Das Schiff verlässt die Atmosphäre des Wüstenplaneten in kürzester Zeit und bewegt sich mit hoher Geschwindigkeit auf den Stern zu. Dieser kommt näher und näher.

Javis: „Aurora erreicht. Wir nähern uns jetzt der Oberfläche.“

 

Das Schiff bremst langsam ab und gleitet im Tiefflug über die Sternoberfläche. Die Plasmapartikel bringen die Solarflügel dabei regelrecht zum Glühen. Dabei wird die aufgenommene Energie in den Antrieb geleitet und absorbiert. Die Black-Arrow verfügt über einen sogenannten „Black-Hole-Antrieb“, welcher gewaltige Mengen Energie speichern muss. Denn der Antrieb ist dazu in der Lage, den dreidimensionalen Raum so um das Schiff herum zu krümmen, dass Reisen durch ganze Galaxien theoretisch in wenigen Minuten möglich wären, wenn nicht sogar noch schneller. Das besondere und hitzebeständige Material, aus dem die Außenhülle der Black-Arrow besteht, ermöglicht dabei die direkten Überflüge von Sternen, um diesen hohen Energiebedarf decken zu können.

Hunter: „Die Energieanzeige steigt.“

Unter dem Schiff erstreckt sich ein gewaltiges Meer aus Feuer und glühendem Plasma. Es ist, als würde man durch einen Sturm aus Flammen fliegen. Zu beiden Seiten türmen sich, tausende Kilometer hohe Feuersäulen auf. Erzeugt durch das Magnetfeld des Sternes, erscheint vor dem Schiff ein großer Plasmabogen, welcher von der Black-Arrow durchflogen wird. Im Inneren des Schiffes selbst ist es ungewöhnlich ruhig und es regt sich nichts. Kaum ein Wackeln oder Vibrieren. Man hört lediglich, wie die Sonnenwinde und Flammen auf das Raumschiff stoßen, wie starke Windböen in einem Sturm. Niemand an Bord spricht und alle Crewmitglieder blicken wie hypnotisiert aus den Fenstern. Für viele von ihnen ist es der erste Flug über einen Stern.

Javis: „Unsere Energie ist wieder auf einem akzeptablen Niveau. Wo soll es als Nächstes hingehen?“

Raven: „Der Scanner zeigt einen Gasriesen im äußeren System an. Wir fliegen einmal durch seine Atmosphäre und dann auf den zweiten Mond. Er hat eine Biosphäre mit kühlem Klima. Es scheint auch Polkappen aus massivem Süßwasser zu geben. Dort sollten wir unseren Wasservorrat wieder auffüllen können.“

Javis: „Und wieso durch die Atmosphäre des Gasriesen?“

Raven: „Jemals durch eine bodenlose Wolkendecke geflogen?“

Javis: „Nein. Noch nicht.“

Raven: „Es wird Ihnen gefallen. Sehen Sie es als Test!“

Javis: „Aye aye, Captain!“

Das Schiff nimmt wieder hohe Geschwindigkeit auf und der rote Zwergstern dahinter rückt rasch in weite Ferne. Langsam kommt dem Schiff ein Haufen Lichtpunkte entgegen. Ein großes Licht in der Mitte und viele kleine darum herum. Als Javis die Geschwindigkeit drosselt, ist direkt vor ihnen der Gasriese zu sehen. Er schimmert bläulich grau und scheint immer größer zu werden. Knapp eine Minute hat es nun gebraucht, durch zwei Drittel des Sternensystems zu fliegen.

Javis steuert auf die Wolkendecke des Gasriesen zu und reduziert die Geschwindigkeit. Sie treten in die Atmosphäre ein und fliegen durch die ersten Wolkenschichten. Nun sehen sie ein endloses Meer aus sich auftürmenden Wolken, welche teilweise 50 Kilometer hohe Säulen bilden. Darunter eine nahezu unendliche Tiefe. Weit unten flackern derweil regelmäßig Blitze unter den Sturmbändern auf.

Raven: „Javis, machen Sie eine Sturzrolle nach unten!“

Javis: „Bitte?“

Raven: „Ja, Sie haben richtig verstanden. Sie stehen doch auf Action.“

Javis: (Lacht) „Ja, Sie haben mich Durchschaut. Aber das ist selbst für meine Verhältnisse verrückt.“

Raven: (Amüsiert) „Worauf warten Sie noch? Platz in alle Richtungen haben wir genug.“

Javis: „Sie sind doch irre. Ich allerdings auch. Also warum nicht?“

Er dreht das Schiff ruckartig kopfüber, zieht den Steuerknüppel nach hinten und stürzt mit der Nase nach unten in die Tiefe. Es ist eine Frage von Sekunden, bis das Schiff in ein Gewitter eintaucht. Plötzlich wird es lauter. Javis dreht das Schiff wieder richtig und beginnt einen Steilflug nach oben. Er bricht rasch durch die Wolken und verlässt dabei sogar die Atmosphäre des Gasriesen.

Raven: „Trauen Sie sich nicht weiter?“

Javis: „Kann das Schiff so etwas überhaupt überstehen?“

Raven: (Grinsend) „Die Black-Arrow kann über Sonnen fliegen. Sie kann sogar bis in die Tiefe vordringen, in der das Gas durch den hohen Druck beginnt, flüssig zu werden. Es kommt einem vor, als würde man nachts durch dichten Nebel fliegen, wenige Meter über einem verregneten Ozean. Ich habe allerdings beim ersten Mal auch so reagiert wie Sie und versucht, das Schiff hochzuziehen. Nur hat der Bordcomputer mir das Verlassen des Planeten nicht gestattet, solange bis ich selbst eine gewisse Tiefe erreicht habe. Sie wissen ja von diesem Erprobungs- und Trainingsprogramm.“

Javis: „Ich erinnere mich. Ja, das Programm, welches für den Erstflug notwendig war. Ich hörte, Sie konnten es damals abschließen und ausschalten. Anscheinend war es Ihnen zu lästig?“

Raven: „Ja. Lesen Sie mein Tagebuch?“

Javis: „Ähm, nein. Ich habe nur die Daten des Bordcomputers durchgeschaut. Ehrlich!“

Raven: „Aha.“

Javis: „Sie haben ein Tagebuch?“

Raven: „Gott. Nein!“

Javis: „Dann bin ich aber beruhigt.“

Raven: „Ich auch.“

Die beiden lachen, bis vor ihnen der besagte Mond auftaucht.

Javis: „Da ist er. Durchmesser, 9460 Kilometer. Atmosphärendruck 0,87 Bar und besteht aus CO₂ sowie O₂. Atmen ist ohne Anzug möglich. Außentemperatur an der geplanten Landezone sind -34 °C. Ich empfehle, dass Sie doch besser den Anzug anziehen. Außerdem registriere ich Pflanzenbewuchs.“

Raven: „Gute Arbeit, setzen Sie die Crew am geplanten Landepunkt ab. Ich springe ein paar Kilometer früher raus, erkunde die Umgebung mit dem Motorrad und treffe Sie an der Gletscherwand.“

Javis: „So verstanden. Beginne den Landeanflug.“

Die Black-Arrow fliegt auf den kalten Mond zu. Allmählich erkennt man einen blaugrünen Streifen aus Kontinenten, Meeren und Flüssen. Besonders auffällig sind die riesigen Polkappen, welche sich beinahe bis zum Äquator erstrecken. Es geht durch die Wolken hindurch und über Gebirge hinweg. Die Gipfel sind beinahe alle mit Schnee bedeckt, wohingegen sich in den Tälern weitläufige Mooslandschaften erstrecken, die von schmalen Bächen aus Gletscherwasser durchzogen werden. Dort findet sich kein Baum und kein Busch. Nur Moos und graues Gestein. Schließlich erscheint über dem nächsten Bergkamm erscheint eine riesige Eiswand am Horizont.

Raven: „So, setzen Sie mich hier im Flug ab!“

Javis: „Gerne. Fahren Sie vorsichtig, Commander!“

Raven: „Ich werde mir Mühe geben. Hunter, Sie wissen, was zu tun ist?“

Hunter: „Ja, Sir. Der Ablauf ist bekannt.“

Raven geht in den Hangar, nimmt sich sein Motorrad und öffnet das Tor. Er gibt Gas und springt im Tiefflug auf eine Moosebene, während die Black-Arrow über ihn hinwegfliegt.

Begleitet von einem leichten Schneefall fährt Raven durch eine weitläufige und hügelige Landschaft. Die dunkelgrauen Felsen hüllen sich dabei in einen seichten Nebel. Nach einigen Minuten Fahrt gibt sich die riesige Eiswand vom Gletscher zu erkennen. Die Gletscherwand ist mehrere Kilometer hoch. Schon aus der Ferne ist zu sehen, wie Wasserfälle aus kleinen Spalten fließen und brüchiges Eis in die Tiefe stürzt. Je näher Raven dem Gletscher kommt, umso mehr wandelt sich der Boden in eine Mischung aus grauem Kies und brüchigen Schieferplatten. Er fährt auf eine kleine Anhöhe, bleibt dort stehen und stellt seinen Motor aus. Er steigt ab und geht ein paar Schritte. Raven steht dort völlig allein und blickt einen langen, ruhigen Moment zum Gletscher. Er genießt den Augenblick und schweift in seinen Gedanken. Er ist so fern der Heimat, an einem Ort, an dem noch nie jemand oder etwas gewesen ist.

Die Natur des Universums bietet immer wieder beeindruckende Bilder. Jedoch ist es zu bedauern, dass viele Menschen solche Wunder nicht mehr würdigen oder wertschätzen können. Stattdessen wiederholen sie sämtliche Fehler ihrer Vorfahren, welche ihnen einst die Erde raubten. Oft schätzen Menschen Geld und Status mehr als Glück und Zufriedenheit. Eine ungünstige Gewohnheit, in der sich bereits viele verloren haben. Im Gegensatz dazu bereist Raven den Weltraum mit offenen Augen. Er sieht, wozu es fähig ist, erkennt seinen Platz und denkt weit über seine Existenz hinaus. Wohingegen die meisten Menschen in ihrer eigenen Welt leben, vertritt Raven die philosophische Denkweise, stets auf einer Welt im Kosmos zu leben.

Nach einigen Minuten der einsamen Stille und des Nachdenkens steigt Raven wieder auf sein Motorrad und fährt zur Landezone. Gerade rechtzeitig, als die Besatzung mit einem Mehrzweckkampffahrzeug sowie zwei Geländewagen einige Eisbrocken abträgt und in das Schiff verlädt.

Raven: „Wie geht es voran?“

Hunter: „Gut Sir. Wir haben hier reines und komprimiertes Süßwasser. Nach dem Filtern, könnte das einige Monate reichen.“

Javis: (Per Funk) „Bleibt standhaft, der Winter naht! Möge die Mauer uns schützen!“

Raven: (Amüsiert) „Was sagten Sie da, Javis?“

Javis: „Nichts. Ich weiß nicht, was Sie meinen.“

Raven: „Sie wissen wohl gar nichts, Tom Javis.“

Javis: „Stimmt. Ich bemühe mich um sicheres Auftreten bei absoluter Ahnungslosigkeit. Javis, Ende!“

Raven schüttelt verwirrt, aber auch amüsiert, den Kopf und wendet sich wieder an Hunter.

Raven: „Jedenfalls gute Arbeit, machen Sie weiter so! Dieser Mond ist beeindruckend schön, dennoch müssen wir uns so langsam nach Hause begeben. In fünfzehn Minuten sollten wir hier abbrechen.“

Hunter: „Ich lasse das Eis sofort zum Wassertank bringen und rufe die Crew zusammen.“

Einige Augenblicke später kehren die Fahrzeuge, ebenso wie die Besatzung, über die Rampe des Hangartores zurück ins Schiff. Raven ist derweil auf dem Weg hinauf zum Kommandodeck, um den nächsten Kurs festzulegen.

Raven: „Damit sollten wir in diesem System fertig sein. Javis, fliegen Sie uns in einer angenehmen Geschwindigkeit zurück nach Hause!“

Javis: „Wird gemacht. Setze Kurs auf Eden. Antrieb bereit. 500 gemütliche astronomische Einheiten pro Sekunde.“

Die Triebwerke der Black-Arrow starten und flammen blau auf. Sie hebt langsam ab und verlässt die Atmosphäre des kühlen Mondes. Mit einem explosiven Sprung mit Überlichtgeschwindigkeit, weg von dem Gasriesen, wird die Sonne des Systems allmählich kleiner. Solange, bis sie nur noch ein unscheinbarer kleiner Lichtpunkt und kaum noch von den anderen Sternen zu unterscheiden ist. Mit zunehmender Geschwindigkeit des Schiffs beginnen alle umliegenden Sterne damit, sich sehr langsam entgegen der Flugrichtung zu bewegen. Die Black-Arrow fliegt jetzt so schnell, dass es im Sekundentakt an anderen Sternensystemen vorbeirast.

Raven: „Ich bin gespannt, was dieser historische Journalist und Dozent von uns will. Ich tippe sehr stark auf ein Interview.“

Javis: „Historischer Journalist? Und Dozent? Bitte was?“

Raven: „Er meint, er sei Historiker, unterrichtet an einer Universität und sei Journalist.“

Javis: „Sehr komische Kombination, wenn Sie mich fragen.“

Raven: „Vielleicht. Lassen wir uns überraschen.“

Nach einem mehrtägigen Flug zwischen den Sternen erreicht die Black-Arrow das Eden-System. Es geht an der gleichnamigen Sonne vorbei in Richtung einer Ansammlung kleiner Lichtpunkte. Je näher das Schiff ihrem Ziel kommt, desto mehr ist von der neuen Heimat der Menschen zu erkennen.

Seit etwa 200 Jahren lebt die Menschheit verstreut im All. Die Erde gilt mittlerweile als unbewohnbar und ist fast in Vergessenheit geraten. Der Großteil aller Menschen hat sich auf dem erdähnlichen Mond „Initium Novum“ angesiedelt. Diese neue Heimat kreist um einen Gasriesen namens „Horus“, der von zwei weiteren bewohnbaren Monden, in einer stabilen Umlaufbahn, umkreist wird. Darunter der Wüstenmond „Hyena“, übersät mit endlosen Sanddünen und felsigen Canyons. Der innerste Mond „Osiris“ wird durch die Gezeitenkräfte so stark auseinandergezogen, dass die Landschaft von Vulkanen, Lavaseen und schwarzem Gestein geprägt ist. Alle drei Monde wurden von Menschen besiedelt, jedoch sind sie nicht die einzigen Himmelskörper, die nach dem Untergang der Erde kolonialisiert wurden. In den umliegenden Sternensystemen haben sich bereits weitere unabhängige Kolonien mit eigenen Regierungen gebildet. Darunter sind auch Fraktionen, die sich heute im Krieg befinden.

Die Black-Arrow erreicht nun den blauen Gasriesen „Horus“ mit seinen drei großen Monden. Nach einem Vorbeiflug an Hyena und Osiris steuert das Schiff auf eine blaugrüne Kugel zu. Ohne Zweifel ist das Initium Novum, die erste der neu besiedelten Welten und gleichzeitig der Hauptsitz der Regierung von Eden.

Die Crew bereitet sich für den Landeanflug vor und freut sich auf einen kurzen Erholungsurlaub. Nur Raven plant während dieses Urlaubs in seinem Schiff zu bleiben. Denn für ihn ist es sein Zuhause.

Die Black-Arrow kommt Initium Novum immer näher. Unter den hellen Wolken treten bereits die Landflächen und Ozeane in Erscheinung. Das Schiff landet in einem zivilen Raumhafen mitten in der Großstadt „Eden-City“. Sie ist die Hauptstadt des Planeten und der Ort, an dem die Menschen zur ersten Kolonialisierung gelandet sind. Damals noch, um einen Neuanfang zu beginnen.

Die Black-Arrow liegt nun nahe dem Stadtzentrum, umgeben von unzähligen gläsernen Wolkenkratzern, unterbrochen von begrünten Kanälen und Schnellstraßen. Von den Fenstern aus ist das mattschwarze Schiff gut zu sehen. Ein ziemlich berühmtes Schiff, weswegen bereits viele Menschen Bilder davon aus der Ferne machen. Währenddessen versammelt sich eine halbe Armee von Sicherheitspersonal und Sicherheitsandroiden in den umliegenden Bereichen des Raumhafens.

Eines Vormittags kommt schließlich der Journalist in den gesicherten Landebereich. Etwa 30 Minuten braucht er, um durch jede Sicherheitsüberprüfung zum Schiff zu gelangen. Jetzt steht er endlich am Eingang, welcher von zwei Soldaten der Besatzung bewacht wird. Dort muss der Journalist ein letztes Mal seinen Ausweis vorzeigen.

Soldat: „Sie sind das also. Der Commander erwartet Sie in der 3. Etage im Speisesaal. Folgen Sie mir!“

Journalist: (Angespannt) „Alles klar. Vielen Dank!“

Er betritt das exklusive Schiff und wird von dem Soldaten begleitet. Von innen scheint die Black-Arrow wie jedes andere Raumschiff auszusehen. Die Gänge sind mit Lichtern am Boden und an der hohen Decke beleuchtet. Nur das Design scheint etwas futuristischer als gewöhnlich. Der Journalist trifft nun im Speisesaal ein, wo Raven bereits allein an einem Tisch sitzt und wartet.

Journalist: (Aufgeregt) „Guten Tag, Sir Raven. Mein Name ist Jon Carter. Ich bin Historiker, unterrichte Geschichte und arbeite als freier Journalist, seit vier Jahren.“

Raven: „Hallo, Jon Carter. Bevor Sie mir noch umfallen, nehmen Sie lieber Platz!“

Carter: „Ja, gerne. Vielen Dank!“

Raven: „Wie Sie vielleicht wissen, habe ich ungern Journalisten oder Reporter auf meinem Schiff. Ich bin bereit, Ihnen hiermit eine Chance zu geben. Ob ich Ihren Auftrag annehmen werde, liegt ganz bei Ihnen.“

Carter: „Ich verstehe.“

Raven: „Also, was haben Sie für ein Anliegen?“

Carter: „Ich… ich würde gerne eine Dokumentation drehen. Oder besser gesagt, zwei Dokumentationen. Letzteres hängt auch mit dem ungewöhnlichen Auftrag zusammen, den ich für Sie habe. Nur leider finde ich weder Sponsoren noch Piloten dafür.“

Raven: „Das ist eine sehr traurige Geschichte. Aber spannend erzählt. Reden Sie weiter.“

Carter wird kurz zum Grinsen verleitet und fährt mit seiner Idee fort. In diesem Moment nimmt Raven die Situation nicht zu ernst und lockert damit indirekt die Stimmung.

Carter: „Für die erste Dokumentation benötige ich Sie. Es soll nämlich um Sie als Commander und um die Black-Arrow gehen, als auch dem Erkunden des Weltalls. Vermutlich die Standard-Anfrage bei Ihnen. Dafür würde ich gerne einige allgemeine Fragen stellen und die Tätigkeiten des Schiffes dokumentieren.“

Raven: (Seufzt) „Ernsthaft? Na gut, ich werde aber entscheiden, welche Fragen ich beantworte. Zu Ihrem Glück habe ich heute gute Laune.“

Carter: „Gott sei Dank! Darf ich dann direkt mit einem kurzen Interview beginnen?“

Raven: „Fragen Sie, was Sie wollen und hoffen Sie auf eine Antwort.“

Carter holt ein Daten-Pad heraus, auf dem einige Fragen notiert sind.

Carter: „Nun, Ihren Namen, den kenne ich schon. Also frage ich Sie: Geburtstag? Geburtsort?“

Raven: „17. August 2310. In der Nähe von New London.“

Carter: „Können Sie mir etwas über Ihre Familie erzählen? Oder Ihre Kindheit? Was motiviert Sie? Was begeistert Sie am meisten?“

Raven beantwortet die Fragen mit einem Schweigen.

Carter: „Na gut. Wann haben Sie sich entschieden, zum Militär zu gehen? Und warum?“

Raven: „Ich ging mit 18 zum Militär. Zu dieser Zeit wusste ich nicht, wo ich am sinnvollsten in der Gesellschaft eingesetzt werden könnte. Wie viele andere auch. Nichts hat besser zu mir gepasst, obwohl ich irgendwann gelernt habe, diesen Beruf auch zu hassen.“

Carter: „Sie haben es gehasst? Sie sind doch ein hervorragender Soldat. Diese Antwort ist ein wenig überraschend.“

Raven: „Ich habe da meine Gründe. Sie waren anscheinend nie beim Militär.“

Carter: „Nein. Das war ich nicht. Um ehrlich zu sein, ist das hier auch mein erster Kontakt mit etwas Militärischem.“

Raven: „Aha.“

Raven schaut Carter in die Augen. Als hätte er von Anfang an gewusst, dass Carter noch nie Berührungspunkte mit dem Militär hatte.

Carter: „Okay. Also … Nun kommt das Thema, welches wirklich jeden Menschen da draußen brennend interessiert und Sie zu einer geheimnisvollen Prominenz gemacht hat. Sie wurden mehr als vier Jahre als vermisst gemeldet und kamen vollkommen unerwartet mit einem außerirdischen Raumschiff zurück. Was ist da genau passiert?“

Raven: „Das können Sie doch überall nachlesen. Warum fragen Sie das?“

Carter: „Ähm. Für das Protokoll?“

Raven: „Natürlich. Während dieser vier Jahre war ich auf einem Planeten, den ich selbst Utopia nenne, abgestürzt und gestrandet. Bis ich in verlassenen Ruinen einer uralten Zivilisation die Black-Arrow gefunden habe, sie zu fliegen lernte und nach Hause kommen konnte. Allerdings wollte ich dieses Schiff nicht dem Militär übergeben oder es zum Ausschlachten erforschen lassen. Daher habe ich lange darauf beharrt, es zu behalten. Nachdem ich einen Kompromiss durchsetzen konnte, wurde ich vom niedrigsten Dienstgrad, direkt zum Offizier und Commander befördert. Das hat den Generälen zwar ihre Nerven gekostet, aber jetzt sind alle glücklich und zufrieden. Vorerst.“

Carter: „Aber, wie kam es dazu? Warum und wie sind Sie auf Utopia gestrandet?“

Raven: „Diese Antwort kann man zwar auch nachlesen, aber gut. Es war 2329. Ich war gerade 19 und befand mich auf dem Kolonialisierungskreuzer „I-N Phoenix“. Das Schiff hatte eine etwa 20.000 Mann starke Besatzung. Darunter auch viel Militär. Ich sollte an Bord meine Spezialausbildung absolvieren, bis wir irgendwann plötzlich von Plünderern oder von der Garde angegriffen wurden. Wir wussten nicht genau, wer uns angegriffen hat, aber es waren mehrere große Frachter und sogar Schlachtschiffe dabei. Es ging alles sehr schnell. Alle Neulinge sollten zur Evakuierung in den unteren Hangar-Bereich gebracht werden, wo auch mehrere Schiffe zum Transport bereitstanden. Sobald wir in den Transportern waren, hörte man mehrmals eine laute Kollisionen. Über den Funk sagte man uns, dass mehrere Schiffe uns gerammt haben. Vermutlich um uns zu kapern. Daraufhin kam der Commander der Phoenix auf die grandiose Idee, trotz offener Hangars und des beschädigten Schiffes, den ÜLG-Antrieb zu starten, um in den Hyperraum zu springen. Dabei zerriss es alle Schiffe im Umkreis und zog gleichzeitig einige Angreifer mit sich. All diese Schiffe sind schließlich mit Überlichtgeschwindigkeit auseinandergebrochen. Dadurch verließen wir den Hyperraum und die Wrackteile der Schiffe stürzten auf einen Planeten, oder besser gesagt, einen Mond. Der ganze Hangar-Bereich hatte sich da bereits vom Schiff gelöst. Wir dachten eigentlich, dass wir alle sterben. Vor allem, weil wir auf der Nachtseite abgestürzt sind und damit nicht einmal wussten, was uns erwartet. Vier Jahre verbrachte ich in der grünen Hölle vom Paradies. Bis ich 2334 zurückgekehrt bin. Vielleicht erzähle ich Ihnen bei Gelegenheit mehr davon. Aber das war es erst mal.“

Carter: „Wow, das klingt sehr beeindruckend und tragisch. Aber Sie haben es schließlich als einziger Überlebender geschafft und leben nun ein Leben, von dem manche nur träumen können. Die ganze Milchstraße liegt Ihnen quasi zu Füßen und nebenbei haben Sie Spuren von intelligentem Leben entdeckt. Die Black-Arrow ist sogar der Beweis dafür. Das ist eine Sensation.“

Raven: „Da gebe ich Ihnen recht. Aber dieses Leben habe ich mir nicht ausgesucht. Letztendlich kann ich auch schlecht sagen, ob es ein Ereignis war, welches mein Leben zum Positiven oder zum Negativen verändert hat. Sicher ist, es war hart.“

Carter: „Wissen Sie, ob noch weitere Menschen den Absturz überlebt haben?“

Raven: „Das erzähle ich Ihnen vielleicht ein anderes Mal.“

Carter: „Okay, danke. Als Sie die Black-Arrow gefunden haben, was haben Sie als Erstes getan?“

Raven: „Ich sorgte dafür, dass der Bordcomputer unsere Sprache spricht und danach startete sich ein Trainingsprogramm. Quasi eine eingebaute Flugschule. Dort lernte ich, mit dem Schiff umzugehen.“

Carter: „Wie haben Sie das mit der Sprache geschafft?“

Raven: „Als ich mich auf den Pilotensitz gesetzt habe, hat ein Gerät mein Gehirn gescannt. Ein unangenehmes Gefühl, aber im Endeffekt war es unerlässlich.“

Carter: „Ist es ein Mythos, dass die Black-Arrow in Sekunden durch die Galaxie fliegen könnte, aber normale Schiffe für so ein Vorhaben Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte brauchen würden?“

Raven: „Das ist kein Mythos. Wurde aber auch noch nie durchgeführt. Die Black-Arrow wäre in der Lage bis zu 100 Megalichtjahre pro Sekunde zu fliegen. Damit könnte man in einer Sekunde bereits an unzähligen Galaxien vorbeifliegen. Dabei ist das Schiff so wendig wie ein Raumjäger. Allerdings ist der Antrieb nicht ausgereift genug dafür. Kurzfassung: Es fehlen Teile und Programmcodes, damit der Antrieb solche Leistungen erbringen kann. Als ich das Schiff fand, lag es in einer Art Werft. Es war also noch in der Fertigung. Ich konnte durch den Bordcomputer allerdings den Prozess beschleunigen.“

Carter: „Sie haben das Raumschiff also zu dem gemacht, was es heute ist.“

Raven: „So ähnlich. Obwohl der Antrieb von Menschen mittlerweile sehr ungenau, beziehungsweise schlecht, kopiert werden konnte und auch nur in wenigen Schiffen experimentell eingebaut ist, fliegen die meisten Schiffe mit dem Standard ÜLG-Antrieb. Im Gegensatz zur normalen Raumkrümmung besitzt die Black-Arrow allerdings seinen eigenen Raum. Das ist schwer zu begreifen und noch schwerer zu erklären.“

Carter: „Wissen Sie denn, wie der Antrieb funktioniert?“

Raven: „Ich kann ja mal versuchen, es Ihnen zu erklären. Es ist ein Black-Hole-Antrieb. Im Innern des Antriebskerns befindet sich ein Wurmloch, welches unmittelbar um ein schwarzes Loch gehüllt ist. Wenn man in den Antrieb hineinschauen würde, sähe es aus, als wäre dort das schwarze Loch ohne eigene Gravitation. Ich weiß selbst nicht, wie man so ein Objekt einfangen kann oder wo sich das schwarze Loch aus unserem Antrieb im Universum befinden könnte, falls es überhaupt wirklich existiert. Ich kann nur sagen, dass es ca. einen Meter Durchmesser hat und mit Sonnenenergie quasi genähert und damit auf Größe gehalten werden kann. Trotzdem bezieht das Schiff bisher nur 10 % der Energie aus dem Antrieb. Die übrigen 90 % gehen aus noch unbekannten Gründen verloren.“

Carter: „Das sind fantastische Einblicke. Nochmals danke, dass Sie sich die Zeit nehmen. Können Sie mir eigentlich sagen, warum dieses Schiff so gut gepanzert und bewaffnet ist? Das ist schon ziemlich überdurchschnittlich für ein Erkundungsschiff.“

Raven: „In erster Linie besteht die Außenhülle aus einem sehr stark komprimierten Metall, bestehend aus Planetenkernen.“

Carter: „Was? Aus Planetenkernen? Also dem Kern eines Planeten?“

Raven: „Gut erkannt. Ja, es ist ein Metall mit einer kristallartigen und dichten Molekularstruktur. Außerdem elegant matt schwarz gefärbt. Dazu krümmt ein Haufen ineinander verschachtelter Wurmlöcher den Raum direkt an der Oberfläche des Schiffes. Das ist allein schon sehr nützlich, um ohne Zeitverschiebung zu reisen. Einen klassischen Plasmaschild haben wir natürlich auch. Und warum wir so stark bewaffnet sind? Wahrscheinlich wurde dieses Schiff als Kriegsschiff gebaut. Anders kann ich mir das selbst nicht erklären.“

Carter: „Was haben Sie denn für eine Bewaffnung an Bord?“

Raven: „Sehr viel. Genug, um allein gegen eine Flotte kämpfen zu können. Aber Bewaffnung ist nicht alles. Wir haben auch noch Räume zur Unterhaltung, ein Gewächshaus, ein Labor, ein Aussichtsdeck, einen Pool, eine Krankenstation, einen Hangar mit zwei Shuttles, Raumjägern und Bodenfahrzeugen. Und sogar diesen seltenen Esstisch. Den Großteil der Innenausstattung habe ich im Nachhinein selbst eingebaut. Sonst noch Fragen?“

Carter: „Nur noch eine. Sie tragen einen ungewöhnlichen Raumanzug. Was hat es damit auf sich?“

Raven: „Das ist ein standardmäßiger EC-Kommandoanzug für Spezialeinheiten, mit ein paar Extras. EC bedeutet übrigens Eden-Commando. Die Panzerplatten sind so an den Körper angepasst, dass jedenfalls die Arme, Beine und der Kopf durch den dreieckigen Verlauf der Platten nach vorne geschützt sind. Jedes Projektil wird beim Aufschlag zur Seite abgelenkt. Bis die Panzerung irgendwann gänzlich zerstört ist. Dazu wird der Anzug durch ein Exoskelett gestützt und hat eine Versiegelung für Weltraumsparziergänge.

Ein Offizier des Kommandos meinte einmal, diese Rüstung sei die Krönung der menschlichen Kriegskultur.“

Carter: „Interessant, gibt es …?“

Raven: (Unterbrechend) „Ich möchte dieses Gespräch nicht weiter in die Länge ziehen. Daher würde ich gerne wissen, welchen wichtigen Auftrag Sie für mich haben.“

Carter: „Nun gut. Ich benötige einen Piloten, welcher mich in das Sol-System und zur Erde fliegt, um über den aktuellen Status des Planeten und seiner Geschichte diverse Forschungen anzustellen. Das ist der andere Teil der Dokumentation. Ich würde Ihnen 9000 zahlen. Mit der Dokumentation wird wahrscheinlich noch viel mehr Honorar in Aussicht sein. Waren Sie schon mal dort? Also auf der Erde?“

Raven: „Nein, dort war sehr lange niemand mehr. Schließlich ist das Sol-System eine Sperrzone. Aber sie haben mich an etwas erinnert, und zwar, dass auch ich ein Anliegen haben könnte, weshalb ein Besuch der Erde sich lohnen könnte. Danke, dass Sie mich daran erinnert haben. Ich gebe Ihnen früh genug Bescheid, wenn wir losfliegen. Das Interview führen wir dann später fort.“

Carter: „Oh, ja … ähm … kein Problem. Das heißt … ich bin dabei?“

Raven: „Richten Sie sich erst mal bei uns ein. Wenn Sie eine Unterkunft brauchen, am Ende des Ganges hinter dem Aussichtsdeck ist ein Zimmer frei. Nur die Treppe hoch. Und denken Sie daran, hier zu sein, ist eine einmalige Chance. Versauen Sie es nicht!“

Carter: „Das werde ich ganz sicher nicht. Vielen Dank, Commander.“

Carter begibt sich zu seinem zugewiesenen Quartier. Als er nicht mehr in Sichtweite ist, spricht Raven leise zu sich selbst.

Raven: „Die Erde. Ausgerechnet der traurigste Ort der Menschheitsgeschichte.“

Er steht mit einem Seufzen auf und macht sich auf den Weg in sein Quartier. Dafür fährt er mit dem Fahrstuhl nach ganz oben. Gleich hinter dem Kommandodeck befindet sich das Quartier des Commanders, welches gleichzeitig das größte im ganzen Schiff ist. Raven verschließt die Tür hinter sich und kommt erst am nächsten Morgen wieder heraus.

Fast eine Woche ist nun vergangen und die Besatzung bereitet sich auf eine besondere Forschungsreise vor. In einem Korridor trifft Carter zufällig einen der Elitesoldaten des berüchtigten Raptor-Teams.

Sev: „Hey Sie. Gibt es überhaupt noch Menschen im Sol-System?“

Carter: „Das weiß niemand. Die Erde gilt mittlerweile als unbewohnt, aber niemand weiß, ob sich in dem System noch Plünderer oder Ähnliches aufhalten. Es könnte dort vielleicht sogar überlebende Menschen geben. Das halte ich aber für unwahrscheinlich.“

Sev: „Das klingt irgendwie langweilig.“

Carter: „Im Gegenteil. Zu den Ursprüngen der Menschheit zurückzugehen, finde ich persönlich sehr spannend.“

Sev: „Wie Sie meinen. Sie bezahlen die Reise schließlich. Dann wünsch’ ich immerhin Ihnen viel Spaß dabei.“

Ohne das Gespräch zu beenden, geht Sev einfach weiter. Einen Augenblick später kommt der Commander ebenfalls dort vorbei.

Carter: „Commander? Wer war das?“

Raven: „Das ist Edward Sev. Er ist unser Elite-Scharfschütze. Glauben Sie mir, es gibt nichts, was dieser Typ nicht treffen kann. Besser halten Sie sich von ihm fern, beziehungsweise reden nicht mit ihm, wenn er Sie nicht anspricht.“

Carter: „Warum? Was hat er denn bitte für einen Ruf?“

Raven: „Er ist ein rauer Soldat, erbitterter Jäger und gnadenlos. Aber auch humorvoll. Und nett kann er auch manchmal sein.“

Carter: „Ähm, okay, vielen Dank für den Hinweis.“

Raven: „Gerne. Kommen Sie bitte in zehn Minuten zum Kommandodeck zur Befehlsausgabe! Da werde ich noch ein paar Sachen zum Einsatz sagen.“

Carter: „Wird gemacht, Commander.“

Zehn Minuten vergehen und ein Großteil der Besatzung befindet sich auf dem Kommandodeck. Sie alle warten auf den Commander. Als er aus seinem Quartier kommt, stellt er sich an den Holodesk in der Mitte des Raums und projiziert ein Hologramm vom Sol-System.

Raven: „Also, vielen von euch ist sicher schon unser neuer Gast

„Jon Carter“ aufgefallen. Aufgrund seines Auftrages werden wir in das Sol-System fliegen. Mir ist bewusst, dass dieser Bereich eine Sperrzone ist. Dennoch werden wir zur Erde zurückkehren, um mal zu schauen, was unsere Großeltern so alles falsch gemacht haben. Die Erde ist laut Datenbank ein unbewohnter Wüstenplanet, aber trotzdem ist mit Plünderern oder Ähnlichem zu rechnen. Vorher werden wir jedoch noch einige Punkte im Sol-System anfliegen und auskundschaften. Raus gehen der Historiker Carter sowie Hades als Botanikerin, begleitet von mir und dem Rest des Raptor-Teams. Also Sev, Murphy und Rees. Wir bilden das Erkundungsteam. Hunter, Sie sind für die Funkverbindung zum Team verantwortlich. Ansonsten erkunden Sie mit Javis die Umgebung von oben. Wir werden uns melden, wenn wir etwas brauchen. Ab einer sicheren Höhe nehmen wir ein Shuttle, landen und machen uns an die Arbeit. Patton wird diesmal unser Shuttlepilot sein. Das waren so weit die allgemeinen Infos vorab. Gibt es noch Fragen?“

Für einen kurzen Moment ist es still und einige Crewmitglieder schütteln langsam den Kopf.

Hunter: „Keine Fragen, Commander.“

Raven: „Sehr gut. Javis, bereitmachen! Wir fliegen los. Ich möchte morgen in dem System ankommen.“

Javis: „Schon morgen? Verstanden, setze Kurs auf alte Heimat.“

Javis setzt sich in den Pilotensitz und wählt das Sternensystem aus. Die Crew verteilt sich dabei wieder auf ihre Arbeitsposten. Carter nutzt währenddessen seine Freizeit, um sich eine Etage tiefer im Speisesaal etwas zu essen zu machen. Auch Raven kommt nach einiger Zeit zum Essen nach unten. Dort findet er Carter, wie er an einem der langen Tische sitzt und in aller Ruhe ein Steak isst. Eine Frau läuft dabei an ihm vorbei und ruft scherzhaft „MÖRDER!!!“ zu ihm. Carter erschreckt sich und blickt verwirrt der Frau hinterher. Mit einem schadenfrohen Grinsen kommt Raven zum Tisch und setzt sich ihm gegenüber.

Carter: „Ähm, was war denn das gerade?“

Raven: (Amüsiert) „Das war unsere beliebte Biologin und Botanikerin, Kyra Hades.“

Carter: „Ah. Sie kommt mit auf die Erde? Richtig?“

Raven: „Ja, ganz genau.“

Carter: „Wieso hat sie mich ‚Mörder‘ genannt? Ich kenne sie doch nicht einmal.“

Raven: „Vermutlich wegen dem Fleisch auf dem Teller. Kyra ist vegan. Sie verbringt die meiste Zeit im Gewächshaus oder in ihrem Quartier. Es ist deutlich, dass sie Pflanzen und Tiere lieber mag als Menschen. Aber eigentlich ist sie ganz nett. Meistens.“

Carter: „Scheint, sie kennen sich schon länger.“

Raven: „Ja, ich kenne sie ganz gut. Aber auch erst, seit meiner Rückkehr.“

Carter: „Oh. Sie hinterlässt einen netten Eindruck. Sie hat das gewisse Etwas. Eine ziemlich direkte Ausstrahlung.“

Raven: „So wie Sie sie gerade ansehen … Wenn Sie sich jetzt fragen sollten, ob sie unverbunden ist und ob Sie bei ihr eine Chance haben, muss ich Sie leider enttäuschen. Kyras Charakter ist unfassbar kompliziert und niemand hatte bei ihr auch nur ansatzweise den Hauch einer Chance. Bis jemand für sie perfekt genug ist, ist die Erde wieder von Menschen bewohnt. Machen Sie sich da keine Hoffnung.“

Carter: (Errötet) „Ähhhm … ich mache mir langsam Sorgen, ob Sie Gedanken lesen können.“

Raven: (Lacht) „Kann ich auch. Nein, leider nicht. Ich bin nur ein Menschenkenner. Sie Mörder!“

Mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht steht Raven auf und begibt sich in die Küche.

Am nächsten Tag soll die Black-Arrow das Sol-System bereits erreichen, daher kommt Raven früher als sonst am Morgen auf die Brücke. Dort steht er an den Holodesk gelehnt und trinkt dabei einen heißen Tee. Kurz darauf trifft auch Javis auf der Brücke ein und setzt sich skeptischen Blickes in den Pilotensitz.

Javis: „Morgen Chef. Seit wann trinken Sie Tee?“

Raven: „Seit heute.“

Javis: „Schmeckt es Ihnen?“

Raven: „Nein. Noch nicht.“

Javis: (Lacht) „Überrascht mich nicht, bei dieser Sorte. Hm, wir sind pünktlich bis auf die Minute genau. Ich sehe, wir sind gerade durch den Kuipergürtel hindurch.“

Raven: „Dann sind wir wohl bald am Ziel. Allerdings haben wir noch einige Zwischenstopps auf unserem Weg, bevor wir zur Erde fliegen. Der erste Halt ist Neptun. Carter hat mir eine irrsinnig lange Liste gegeben. Darauf steht als Erstes die WIND-Station. Schauen wir mal nach, ob jemand dort das Licht angelassen hat.“

Javis: „Jawohl. Scheint so, als müssen wir zur Erde nicht einmal an der Sonne vorbeifliegen. Könnte uns etwas Zeit einsparen.“

Einige Minuten später fliegen sie in die Umlaufbahn des Neptuns. Die peitschenden Winde auf dem Planeten lassen sich mit bloßem Auge beobachten. Hinter dem Horizont und einer dunkelblau leuchtenden Atmosphäre gibt sich derweil eine große, ringförmige Struktur zu erkennen. Die Black-Arrow fliegt nun in ein großes Trümmerfeld. Überall um sie herum treiben zerstörte Schiffswracks und Raumschiffsteile.

Javis: „Das da hinten müsste die Station sein. Laut Scanner treiben hier auch noch überall Wracks von alten Stationen und Schiffen herum.“

Raven: „Kaum zu übersehen.“

Carter kommt in diesem Augenblick ebenfalls auf die Brücke.

Carter: „Guten Morgen. Ist das da die WIND-Station?“

Javis: „Sieht so aus. Das ist die größte Station im Neptun-Orbit.“

Carter: „Ja! Das ist sie.“

Das Schiff fliegt näher an die Station heran, wobei die Menge an Trümmern immer weiter zunimmt. Die WIND-Station hat an vielen Stellen bereits keine Außenhülle mehr und es sieht ganz danach aus, als würde sie sehr langsam auseinanderbrechen.

Raven: „Das ist das reinste Schlachtfeld. Die Station ist jedenfalls hinüber. Wenn es dort Vorräte gab, sind sie sicherlich schon weg. Gab es denn in diesem System irgendwelche großen Raumkämpfe?“

Carter: „Ja. Unzählige. Nachdem die Pathfinder-Flotte vor 200 Jahren nach Initium Novum geflohen ist, war in diesem System die Hölle los. Jeder hat nach dem Zerfall der Gesellschaft gegeneinander gekämpft. Ich hätte nur nicht gedacht, dass die Kämpfe bis zum Neptun reichen würden. Wenn die Station zerstört ist, brauchen wir uns hier auch gar nicht weiter aufzuhalten.“

Raven: „Typisch Menschen. Nun gut, der nächste Punkt auf Ihrer Liste ist die Titan-Basis. Javis, wir machen es etwas interessanter und streifen die Oberfläche vom Saturn auf unserem Weg.“

Javis: „Mit Vergnügen, Commander.“

Raven: „So hat unser Gast auch etwas Schönes zum Filmen.“

Carter: „Wie bitte? Wir fliegen durch die Atmosphäre des Saturn? Unglaublich!“

Erwartungsvoll kramt Carter seine Kamera hervor und macht sie einsatzbereit, als wäre es eine Waffe. Immer mehr Crewmitglieder betreten die Brücke. Darunter auch Murphy.

Murphy: „Guten Morgen. Wo geht’s hin?“

Javis: „Saturn!“

Murphy: „Schön. Ich mag Ringplaneten. Hey Carter, Sie sind doch Historiker. Können Sie sagen, was genau hier eigentlich passiert ist? Wieso ist die Menschheit an diesem Ort wirklich untergegangen?“

Carter: „Ungewöhnlich, dass mir jemand diese Frage stellt.“

Murphy: „Ich bin zwar neugierig und ein Technik-Nerd, aber um ehrlich zu sein, habe ich mich nie wirklich mit Geschichte befasst. Ich kenne die alte Erdgeschichte und das, was nach der Kolonialisierung neuer Systeme passiert ist. Jetzt würde mich Ihre Meinung interessieren. Wieso sind wir jetzt dort, wo wir sind?“

Carter: „Sie scheinen mir ja ziemlich wissbegierig zu sein.“

Javis: „Oh ja, wenn hier jemand ständig Fragen über alles Mögliche stellt, dann ist das unser Murphy.“

Murphy: „Ja, das stimmt wohl. Und du bist der Clown mit zu viel Verantwortung auf diesem Schiff. Schon fast schlimmer als Rees.“

Javis: (Lacht) „Den Titel trage ich gerne.“

Carter: „Nun … Die Menschheit und was auf der Erde passiert ist … Ich fange mal mit den 2030ern an. In diesem Jahrzehnt begann die Erdbevölkerung den Mars zu kolonialisieren. Bis zum Ende des Jahrhunderts hat man sich über das ganze Sol-System verteilt. Seit dem Jahr 1975 haben sich die Menschen jedoch eingebildet, sie könnten den Klimawandel auf der Erde stoppen und mit Geoengineering Katastrophen verhindern. Über Jahrzehnte hinweg hat man fast jährlich nur darüber diskutiert, wie schlimm die Veränderungen doch seien. Andere Menschen hingegen sagten, es sei bloß Wetter. Zusammen mit einer Welle geopolitischer Krisen hat man sich nie großartig bemüht, rettende Maßnahmen zu ergreifen. Großen Konzernen war das Geld damals wichtiger als ihre Existenz. Neue revolutionäre Technologien, die für uns heute selbstverständlich sind, wurden damals vertuscht und im Verborgenen gehalten. Die Erde wurde allein von den Interessen von Öl- und Tech-Konzernen abhängig. Jeder Mensch mit bahnbrechenden Ideen, was Umweltschutz und Energiegewinnung anging, ist kurz darauf von der Bildfläche verschwunden.“

Murphy: „Ich schätze, ermordet oder auf ewig weggesperrt.“

Carter: „Ja genau. An das wärmere Klima hätte man sich auch anpassen können. Einige Großkonzerne haben sich jedoch das Recht für Wasser und Nahrung erkauft. Jedem Menschen stand laut Menschenrechten frisches Wasser und Lebensmittel zu. Land, Wasser und Nahrung waren die grundlegenden Dinge zum Leben. Etwas, das jeder brauchte. Aber es gab kein Land, welches einem gehörte, alles wurde von Regierungen in Besitz genommen und verpachtet. Man musste quasi Steuern zahlen, nur um existieren zu dürfen. Es gab kein freies Essen an Bäumen oder Trinkwasser in den Flüssen. Und wenn man versucht hat, sich zu nehmen, was einem zustand, dann wurde man eingesperrt.“

Murphy: „So also, wenn der gesunde Menschenverstand verliert.“

Carter: „Privatisierung von Lebensmitteln, Ausbeutung von Entwicklungsländern, legalisierte Freiheitsberaubung und beinahe totale Überwachung haben dann dazu geführt, dass sich die Bevölkerung gegen die erkauften Regierungen aufgelehnt hat.“

Raven: „Der globale Bürgerkrieg.“

Carter: „Exakt. Regierungstruppen und Polizei kämpften überall auf der Erde gegen die eigenen Bürger, gegen die eigenen Familien und Nachbarn. Jeder Bürger, der gegen das „System“ war, wurde eiskalt ermordet und es kam zur puren Anarchie. Zusätzlich brachte der Klimawandel zahlreiche Naturkatastrophen mit sich. Überflutungen, Dürren, Stürme und vor allem größer werdende Wüsten. Kriege brachten einige Länder dazu, mit Atomwaffen gezielt die Zivilbevölkerung zu vernichten und haben dabei die Biosphäre noch viel gravierender zerstört sowie ganze Landstriche unbewohnbar gemacht. Heute müsste der Planet eine Wüste sein, vielleicht mit einigen Savannen. Zwischen all dem Krieg, der sich dann auch noch im ganzen Sol-System ausbreitete, machte sich die Pathfinder-Flotte auf den Weg zu einem entfernten Himmelskörper, der ideal für einen Neuanfang ist.“

Murphy: „Initium Novum, Latein für Neuanfang.“

Javis: „Der Mann ist ja doch gebildet.“

Carter: „Als dieser Mond entdeckt wurde, hat man ihn zuerst ‚Eden‘ genannt und mit dem ersten Fuß auf der neuen Welt entsprechend umbenannt. Jetzt heißt unser Heimatstern Eden. Anfang des 22. Jahrhunderts, als die Menschheit im Müll, Krieg und dem Sand verschwand, nutzte man den neuen ÜLG-Antrieb, um zu einer neuen Heimat zu fliegen. Sieben Milliarden Menschen flogen mit der größten Flotte der Geschichte hunderte Lichtjahre weit ins All. Reiche, Wissenschaftler, Familien, Farmer und Arbeiter. Heute sind wir über alle Kolonien verteilt 14 Milliarden Menschen. Wir haben uns in über 200 Jahren praktisch verdoppelt.“

Murphy: „Sieben Milliarden Menschen in einer Flotte? Schwer vorstellbar. Klingt ziemlich unglaubwürdig.“

Carter: „Die Pathfinder-Flotte bestand aus hunderttausenden Schiffen. Von Kleintransportern bis hin zu 20 Kilometer langen modularen Archen. Es gab einfach unfassbar viele Schiffe in dieser Flotte.“

Murphy: „Oh. So hört sich das zwar realistischer an, aber trotzdem sind diese Zahlen zu gewaltig, um es sich vorzustellen.“

Carter: „Der Rest der insgesamt 19 Milliarden Menschen auf der Erde verhungerte und starb dort. Immerhin haben wir einen Großteil unserer Arten, wie Pflanzen und Tiere genetisch noch retten können. Leider sind es dennoch nur etwa ein Viertel, von dem, was es damals auf der Erde gab. Und jetzt fliegen wir wieder dorthin zurück. Mit der Hoffnung, vielleicht noch etwas zu finden, was vorher verloren war.“

Raven: „Menschen belügen sich oft selbst. Oft genug, dass wir glauben, die Welt gehört uns. Aber in Wahrheit halten wir sie nur für unsere Nachfolger warm. Das scheint sich auch nie zu ändern.“

Javis: „Der Kerl ist echt ein laufendes Geschichtsbuch.“

Murphy: „Was genau suchen wir überhaupt auf der Erde?“

Carter: „Wir machen eine allgemeine Bestandsaufnahme über den Zustand des Planeten. In einer Region namens Norwegen gibt es einen Bunker, in dem man Samen von Pflanzen konserviert hat. Das ist unser wichtigstes Ziel. Die restlichen Entdeckungen werden dokumentiert und ansonsten erkunden wir ein paar Orte. Commander, hatten Sie nicht auch ein persönliches Anliegen?“

Javis: „Heimlich auf der Erde gewesen und etwas vergessen?“

Raven: „Tatsächlich nicht. Meine Familie ist im Besitz eines seltsamen Buches und immer weitergereicht wird. Nun besitze ich es und es ist mit einem kryptisch massiven Schloss verschlossen. Angeblich soll mein Urgroßvater den Schlüssel bei sich haben. Er scheint auf der Erde geblieben zu sein. Irgendwo in Mitteleuropa.“

Carter: „Wer verschließt Bücher? Sind Sie sicher, dass Sie diesen Schlüssel wirklich finden werden?“

Raven: „Nein. Ich habe grobe Hinweise, denen ich nachgehen kann, aber keine großen Erwartungen.“

Javis: „Ein Mann voller Geheimnisse. Das muss wohl reichen.“

Raven: „Wenn es nicht wahr wäre, dann würde ich auch glauben, dass das alles aus einem schlecht geschriebenen Film stammt.“

Später erreicht die Black-Arrow den Saturn. Javis steuert das Schiff zwischen den Ringen hindurch, runter in die Atmosphäre. Die gelbliche Wolkendecke kommt der Crew immer näher. Sie beobachten, wie sich die gewaltigen leuchtenden Ringe in einem Bogen über den kompletten Himmel erstrecken und ihren Schatten auf die Wolken werfen. Entlang des Ringes ziehen einige Monde ihre Bahnen. Einer von ihnen hat einen auffällig orangen Schimmer.

Javis: „Das da müsste der Titan sein.“

Carter: „Genau da wollen wir hin.“

Auf dem Weg zum größten Mond des Saturn fliegt Javis die Ringe entlang, als würde er einer Straße folgen. Dabei ist er dem Ring so nahe, dass die Eisbrocken regelrecht unter dem Schiff vorbeirasen und die Druckwelle der Triebwerke den feinen Staub, wie in Zeitlupe, hinter sich aufwirbeln.

Langsam nähert sich die Black-Arrow dem Titan. Orangene Wolken sowie eine dunstige Atmosphäre aus Methan und Kohlenstoffdioxid verdecken den direkten Blick auf die Oberfläche. Erst als Javis mit dem Schiff schräg in die Wolkendecke eintaucht, erscheinen nach einiger Zeit die ersten Gebirgsketten. Dabei bilden sich bereits erste Tropfen auf den Fenstern. Die dichten Wolken führen in ein Gewitter hinein, mit starkem Regen aus flüssigem Methan. Doch dieses Unwetter scheint wie in Zeitlupe abzulaufen. Die Black-Arrow kommt ihrem Zielort immer näher, während unter ihr Blitze in den Seen und Flüssen aus Methan einschlagen. Am gegenüberliegenden Ufer eines großen Sees kommen allmählich Türme und Glaskuppeln zum Vorschein. Der Anblick gleicht dem einer engen Großstadt. Industrieanlagen und Wolkenkratzer stehen dort dicht beieinander.

Javis: „Ladies and Gentleman. Willkommen in der Titan-Basis.“

Murphy: „Sieht verlassen aus. Keine Lichter.“

Javis: „An so einem ungemütlichen Ort würde ich auch ungern leben wollen. Das wäre keine Miete wert.“

Raven: „Carter, was haben Sie hier genau vor?“

Carter: „In erster Linie nach Lebenszeichen suchen. Aber das hat sich anscheinend erledigt. Die Titan-Basis ist die größte und einzige richtige Stadt auf diesem Mond. In ihrem Archiv gibt es alte Bergbaupläne für Umgebungen auf Methanbasis, beziehungsweise für Titanplaneten. Die wären sicherlich nützlich, da auch wir einen Titanplaneten im Eden-System haben.“

Raven: „Wenn diese Pläne so wertvoll sind, werden wir sie holen. Murphy? Sagen Sie dem Team, es soll sich für einen Spaziergang bereitmachen!“

Murphy: „Jawohl, Sir!“

Als die Black-Arrow langsam durch die Stadt gleitet, sind an einigen Türmen und Gebäuden seltsam flackernde Lichter zu sehen.

Javis: „Was ist das? Ist das Feuer? Der Mond besteht doch aus Methan? Warum fackelt nicht der ganze Titan ab? Ist Methan nicht hoch entzündlich?“

Carter: „Ja, allerdings. Jedoch sind die Methanmengen hier so hoch, dass es nicht das Methan ist, was dort brennt, sondern Sauerstoff.“

Raven: „Anscheinend sind da ein paar Löcher in der Außenwand und der Innenraum brennt langsam aus.“

Javis: „Gut, ergibt Sinn. Es wäre trotzdem interessant, die Atmosphäre eines ganzen Planeten brennen zu sehen.“

Raven: (Amüsiert) „Solche Orte sind gar nicht so selten. Nehmen Sie doch mal Urlaub auf Osiris. Den bezahle ich Ihnen sogar.“

Javis: „Das wäre das erste Mal, dass ich einen Urlaub ablehnen würde. Nein danke. Ich empfinde nicht gerade viel Sympathie für diesen finsteren Feuerball.“

Raven: „Kein Interesse an einem Hotel mit Lava-Pool? Zu warm?“

Jon und Hunter lachen leise im Hintergrund.

Javis: „Es sind eher die Leute, die dort leben. Oder die Viecher, die dort herumkrabbeln. Außerdem finde ich, dass Vulkane und schwarze Felsen nicht gerade gut abschneiden im Vergleich zu einem traumhaften Standurlaub in den Tropen.“

Raven: „Ich finde übergroße Insekten auch nicht so reizend, aber sicher lässt sich für Sie ein geeignetes Hotelzimmer finden.“

Javis: „Träumen Sie weiter, Commander!“

Carter: „Schaut! Dort drüben ist eine Landeplattform. Von dort aus kann man auch das Bibliotheksgebäude gut erkennen.“

Javis: „Waren Sie schon mal hier?“

Carter: „Nein, nein. Ich habe mir die Stadtpläne heruntergeladen und sämtliche Aufzeichnungen über diesen Ort angesehen.“

Javis: „Nun, wenn Sie in Ihrer Freizeit sonst nichts zu tun haben.“

Carter: „Ihr Zynismus ist echt bemerkenswert. Wie hält die Crew das nur aus?“

Raven: „Irgendwann gewöhnt man sich daran. Aber gut, dann landen Sie dort auf dieser Plattform, Javis. Ich ziehe meinen Anzug an und treffe mich mit dem Raptor-Team im Hangar. Carter, wir halten Funkkontakt. Sie müssen uns da drinnen schließlich den Weg weisen.“

Carter: „Sollte ich nicht einfach mitkommen?“

Raven: „Nein, noch nicht. Es ist zu riskant, Sie jetzt schon zu verlieren. Aber auf der Erde dürfen Sie mit. Das würde Ihnen doch sonst das Herz brechen.“

Carter: „Ja. Ich verstehe.“

Hunter: (Macht eine Durchsage) „Raptor-Team einsatzbereit im Hangar sammeln. Ich wiederhole, das Raptor-Team soll sich einsatzbereit im Hangar sammeln!“

Raven geht zügig in sein Quartier und legt dort seinen Raumanzug an. Er nimmt sich seinen Helm und fährt anschließend mit dem Fahrstuhl in die Eingangshalle, wo er wiederum auf den gegenüberliegenden Fahrstuhl wechseln muss, um hinunter in den Hangar zu gelangen. Unten angekommen warten Sev, Rees und Murphy bereits auf ihn. Dort überprüfen sie ein letztes Mal ihre Ausrüstung. Sie tragen exakt den gleichen Anzug wie Raven, nur mit unterschiedlichen sandfarbenen Tarnmustern. Oliver Rees übergibt Raven hier direkt sein Sturmgewehr.

Raven: „Also dann. Das sollte nicht so lange dauern.“

Sev: „Für so etwas soll ich meine Zeit verschwenden? Das ist doch langweilig, wenn es nichts gibt, worauf man schießen kann.“

Rees: „Jemand wie du findet doch immer etwas, worauf er schießen kann.“

Murphy: „Feindkontakt ist unwahrscheinlich.“

Raven: „Wir nehmen die Waffen nur zur Sicherheit mit. Das ist hauptsächlich einer Erkundungs- und Bergungsmission.“

Rees: „Ob man sich wirklich sicher fühlen kann, wenn Sev mit einer geladenen Waffe in der Nähe ist?“

Sev: „Mit Sicherheit nicht. Selbst du hast Angst vor mir, gib’s zu!“

Raven: „Okay, Helme aufsetzen, Anzüge versiegeln und die Waffen fertig laden! Wir gehen los!“

Das Raptor-Team ist bereit und sammelt sich vor dem Hangartor. Dort trennt ein Plasmaschild, so dünn wie ein Haar und kaum sichtbar, den Innenraum des Hangars von der Atmosphäre außerhalb des Schiffes. Während das Tor sich langsam öffnet und wie eine Rampe hinabsinkt, dringt gelblich oranges Licht in den Hangar. Außerhalb des Schiffes regnet es in Strömen und blitzt in der Ferne.

Rees: (Begeistert) „Slowmotionregen! Fantastisch!“

Das Team betritt die Landeplattform und rückt vor zum nächsten Gebäudekomplex. Vor ihnen ist eine große, stählerne Tür sowie eine dahinterliegende Luftschleuse.

Murphy: „Die Schaltfläche lässt sich nicht einschalten. Es gibt keinen Strom und der Türmechanismus scheint beschädigt zu sein.“

Raven: „Das war zu erwarten. Rees! Ich erwarte eine zündende Lösung.“

Rees: „Aber gerne. Platziere Sprengsatz. In Deckung!“

Das Team geht neben der Tür in Stellung. Eine sehr laute Explosion öffnet die Tür und eine große Druckwelle aus Flammen schießt aus dem Gang heraus, welche die Wände verkohlt.

Rees: „Wow! Besser hätte es nicht anfangen können!“

Javis: (Per Funk) „Was zum Teufel war das?“

Raven: „Sind durch die Haustür.“

Javis: (Per Funk) „Was? Das war aber ziemlich laut.“

Rees: „Und schön!“

Sev: „Verdammt. Du hast die ganze Luftschleuse mit rausgesprengt.“

Raven: „Scheint ein Leck drin gewesen zu sein.“

Murphy: „Sollte noch jemand hier sein, wissen sie auf jeden Fall, dass wir kommen. Ich denke, wir sollten irgendwie den Notfallstrom einschalten, bevor wir noch die halbe Stadt abfackeln müssen.“

Raven: „Stimmt. Gute Idee.“

Murphy: „Hier in der Nähe sollte die Schaltzentrale der Landeplattform sein.“

Das Team läuft zügig und mit den Waffen im Anschlag durch den verkohlten Gang. Sie sehen sich dabei genaustens um.

Sev: „Hier über der Tür steht ‚Schaltzentrale‘. Danach suchst du doch.“

Murphy: „Perfekt. Hilf mir mal die Tür aufzubrechen.“

Sev nimmt sich eine abgebrochene Stahlstange, welche wohl von der Decke gefallen ist und rammt diese in den Türschlitz. Er bricht die Tür zusammen mit Murphy auf, worauf Rees hineingeht und den Raum sichert. Derweil sichert Raven den Gang und läuft rückwärts in die Schaltzentrale hinein.

Rees: „Ist es dieser Schalter hier?“

Murphy: „Nein, es ist der Hebel hier vorne.“

Murphy legt den Hebel um und das Notfalllicht schaltet sich sofort an.

Raven: „Ich hoffe, das reicht für die Türen. Carter, wo müssen wir lang?“

Carter: (Per Funk) „Den Gang geradeaus und dann nach rechts. Am Ende des Gebäudekomplexes befindet sich die Bibliothek mit dem Datenarchiv.“

Raven: „Verstanden! Sind unterwegs.“

Das Team verlässt den Raum und geht den Gang weiter entlang. Die Elitesoldaten sichern nach allen Seiten, während sie Carters Route folgen. Wie erwartet, öffnen sich wieder sämtliche Türen. Es geht nun von Raum zu Raum, näher zur Bibliothek. Die vier erreichten eine große Halle mit einem hohen Glasdach und mehreren Ebenen, welche mit Brücken verbunden sind. Dabei befinden sich überall verteilt Beete voller verwelkter Sträucher.

Carter: (Per Funk) „Der Eingang zur Bibliothek sollte am Ende dieser Halle sein.“

Murphy geht zur Schalttafel der Tür und öffnet diese. Danach sichert das Team weiter die Umgebung.

Raven: „Carter, Wir haben die Bibliothek erreicht. Wie finden wir jetzt das Archiv?“

Carter: (Per Funk) „Das Archiv befindet sich an der linken Hinterseite der Bibliothek. Die Tür wird wahrscheinlich einen Zugangscode benötigen.“

Rees: „Einen Zugangscode? Ich habe einen Universalschlüssel. Keine Tür ist vor mir sicher!“

Raven: „Dann sprengen wir eben einfach das Schloss auf.“

Sie erkunden die Bibliothek und suchen die Tür. Die Regale sind voller Daten-Pads, verbunden mit Servern und langgezogene Tische stehen voll mit dutzenden Bildschirmen.

Sev: „Das sollte die Tür sein.“

Raven: „Also dann Rees, aber diesmal bitte nicht übertreiben.“

Rees platziert den Sprengsatz in der Mitte der Tür, während das Team daneben in Deckung geht.

Rees: „Sprengsatz ist scharf. In Deckung!“

Mit einem Knall öffnet sich die Tür und die Raptors betreten das Archiv. Es ist ein Raum voller Computer und Schaltflächen sowie einem großen Bildschirm an der Wand.

Raven: „Die große Konsole in der Mitte sollte sein, wonach wir suchen.“

Murphy: „Ich werde versuchen, sie zum Laufen zu bekommen. Gebt mir eine Minute.“

Rees: „Ob unsere Plasmabolzen beim Schießen in so einer Atmosphäre extra Brandschaden verursachen?“

Sev: „Ich hoffe doch.“

Javis: (Per Funk) „Commander? Hier ist etwas, das sollten Sie besser wissen!“

Raven: „Was ist los, Javis?“

Javis: (Per Funk) „Gerade sind zwei Schiffe von der Stadt aus gestartet und fliegen in den Titan-Orbit.“

Sev: „Ich dachte, die Stadt wäre leer?“

Raven: „Vielleicht Plünderer?“

Javis: (Per Funk) „Gut möglich, das sind bewaffnete Kleinfrachter.“

Sev: „Klingt nach Plünderern. Die haben wohl unseren Lärm gehört und Angst bekommen.“

Javis: (Per Funk) „Diese Schiffe scheinen allerdings für interplanetare Flüge umgerüstet worden zu sein. Oder die werden wohl sehr lange hier hergeflogen sein.“

Raven: „Wir werden die Augen offenhalten. Danke für die Info.“

Javis: (Per Funk) „Das ist mein Job. Ich melde mich, wenn mir wieder etwas auffällt.“

Murphy: „Ich bin drin. Suche nach … Bergbaupläne für … Asteroiden, Eismonde, Kratermonde … Titanmonde! Ich lade einfach mal alles runter.“

Zwei Minuten dauert der Download der Daten. Dies geschieht tatsächlich ohne jegliche Zwischenfälle.

Murphy: „Ich bin fertig. Wir können weiter.“

Carter: (Per Funk) „Hervorragend! Zuhause wird man uns dafür sicher dankbar sein.“

Raven: „Gute Arbeit, Raptors. Gehen wir wieder zurück zum Schiff.“

Rees: „Das war doch ein entspannter, kleiner Spaziergang.“

Das Team geht den gleichen Weg wieder zurück. Jedoch bemerken sie am Ende des Ganges eine Gestalt, die gerade um eine Ecke sprintet.

Sev: „Da hinten war was! Ein Plünderer wahrscheinlich!“

Rees: „Sollen wir hinterher, Commander?“

Raven: „Nein, wir kehren so schnell wie möglich zum Schiff zurück und verlassen diesen Ort. Sollten diese Leute uns angreifen wollen, habt ihr Feuerfreigabe.“

Rees: „Verstanden.“

Sev: „Mit Vergnügen.“

Als das Team die Landeplattform erreicht, öffnet sich der Hangar der Black-Arrow. Sie betreten das Schiff, doch plötzlich tauchen zwei Personen in der zerstörten Luftschleuse auf. Ihre verdreckten Raumanzüge sind mit Metallplatten verstärkt und mit Stofffetzen umwickelt. Eindeutig Plünderer, die nun ihre Gewehre in den Anschlag nehmen und das Feuer eröffnen. Nach einem Bruchteil einer Sekunde explodiert der gesamte Bereich der Luftschleuse. Schlagartig verschwinden die Plünderer hinter einer Explosion und ein Teil des Gebäudes stürzt in sich zusammen. Mit nur einem Schuss macht eines der unteren Bordgeschütze des Schiffes mit den Angreifern kurzen Prozess.

Javis: (Per Funk) „Na, da habe ich euch wohl den Arsch gerettet.“

Sev: „Red dir nichts ein! Ich hätte sie beide mit nur einem Schuss ausschalten können.“

Rees: (Sarkastisch) „Na klar.“

Raven: „Danke Javis. Guter Schuss. Wenn auch etwas radikal.“

Das Raptor-Team sammelt sich in der Waffenkammer und bleibt dort vorerst abrufbereit. Raven verabschiedet sich hingegen mit einem einfachen Faustgruß und begibt sich wieder auf die Brücke.

Raven: „Carter, Sie bekommen Ihre Pläne gleich von Murphy.“

Carter: „Großen Dank, Commander. Das mit den Plünderern konnte ich nicht ahnen.“

Raven: „War zu erwarten. Das ist Berufsrisiko. Wohin als Nächstes?“

Carter: „Ähm. Eigentlich habe ich gedacht, wir schauen uns noch alle anderen Planeten an. Allerdings gehe ich davon aus, dass wir dort kaum etwas finden werden. Daher will ich unsere Zeit nicht verschwenden und wir können endlich zur Erde. Außerdem liegen Mars und Jupiter derzeit auf der anderen Seite des Systems.“

Raven: „Damit kann ich leben. Javis, nehmen Sie die Erde ins Visier und bringen sie uns da hin!“

Javis: „Setze Kurs auf alte Heimat.“

Die Black-Arrow hebt ab und fliegt über die Titan-Basis, auf den Methansee zu. In der Mitte des Sees steigt das Schiff dann steil in den Himmel und rast durch die orangene Wolkendecke hindurch. Dicke Regentropfen prallen dabei kurzzeitig, in einem prasselnden Geräusch, auf die Fenster. Der Himmel färbt sich langsam von orange zurück zu schwarz. Im All angekommen richtet sich das Schiff auf einen kleinen, hellen Punkt zwischen den Sternen aus. Das ist die Erde. Mit ansteigender Geschwindigkeit kommt dieser Punkt immer näher, bis der Planet letztendlich als Kugel erkennbar wird. Die Black-Arrow beendet ihren Sprung anschließend direkt vor dem Erdmond. Der Flug vom Saturn bis zur Erde hat nur einen kurzen Augenblick gedauert. Eine Milliarde Kilometer, zurückgelegt unter einer Minute. Betrübt blickt die Crew nun aus den Fenstern hinaus. Die alte Heimat ist nicht mehr wiederzuerkennen. Die Atmosphäre ist gelblich grau, die meisten Kontinente von Wüsten bedeckt. Es wäre ein ganz normaler Anblick eines Planeten, würde es sich dabei nicht um die Wiege der Menschheit handeln. Zunächst fliegt Javis dicht über die Oberfläche des Mondes. Der graue Staub wird von den Triebwerken des Schiffes aufgewirbelt, als würde die Black-Arrow eine Wolke hinter sich herziehen. Dabei geht die Erde am Horizont auf wie eine Sonne.

Raven: „Ich habe mal ein Bild hiervon gesehen, darauf war die Erde noch blau.“

Hunter: „Es ist traurig, was hier passiert ist.“

Raven: „Das Schlimmste ist, dass die Menschheit aus ihren Fehlern immer noch nichts gelernt hat.“

Das Schiff fliegt über eine Vielzahl von Minen, gefüllt mit großen Bergbaumaschinen. Die ersten Lagerhallen und kleine Gebäude sind ebenfalls über dem grauen Gestein zu erkennen. Entlang einiger Straßen aus Stahlbetonplatten geht es auf einige Glaskuppeln zu, wovon einige stark beschädigt sind. Dahinter, am Horizont des Mondes sind sogar die Umrisse einiger Städte zu erkennen. Doch die Erde rückt wieder in den Mittelpunkt der Brücke und nach einer kurzen Beschleunigung ist die Black-Arrow bereits in ihrem Orbit.

Javis: „Ich fliege mal hier vorne runter. Dann können Sie sich noch etwas die Landschaft ansehen.“

Raven: „Nur zu.“

Hunter steht hinter dem Holodesk und hat eine alte Karte der Erde auf dem Bildschirm. Sie aktualisiert die Karte mit den Scans des Schiffes, um die Navigation zu erleichtern.

Hunter: „Laut der Karte ist das hier Südamerika. Der Amazonas, um genau zu sein. Angeblich sogar ein Regenwald.“

Carter: „Das ist wohl sehr lange her.“

Raven: „Ich sehe nur Sand und ein paar kleine Bäche ohne jede Vegetation.“

Carter: „Im frühen 21. Jahrhundert begann man diese Region verstärkt und unaufhörlich abzuholzen. Aber das Resultat jetzt zu sehen … das ist erschreckend. “

Betrübt schüttelt Carter den Kopf, als er die trostlose Ödnis unter sich sieht. Kaum vorstellbar, dass hier einst ein dichter Wald war.

Hunter: „Carter? Wo ist unser erstes Ziel auf der Erde?“

Carter: „Wir müssen nach Norwegen. Die Koordinaten des Bunkers sind schon eingespeichert.“

Hunter: „Ah, hier. Javis, ich habe die Koordinaten in dein HUD geladen.“

Javis: „Danke, ich seh’s. Commander? Wir haben vor uns einen Sandsturm.“

Raven: „Fliegen Sie doch durch, aber achten Sie auf die Anzeigen bezüglich unserer Höhe.“

Javis: „Na gut, riskant, aber wenn Sie das so sagen.“

Beim Eintritt in das Unwetter ist leise zu hören, wie der Sand gegen die Außenhülle des Schiffes prallt. Der Moment hält allerdings nur kurz. Als das Schiff wieder aus dem Sturm hinausfliegt, tauchen auf einmal große Tafelberge in der Landschaft auf.

Hunter: „Diese Region wurde ‚Venezuela‘ genannt.“

Raven: „Etwas wenig Grün für einen Regenwald.“

Hunter: „Dieser Ort hat wohl schon bessere Zeiten gesehen.“

Javis: „Okay. Ich finde, das ist genug Sand fürs Erste. Ich folge der Karte zu dem Punkt in Norwegen. Das wird vielleicht eine Weile dauern.“

Raven: „Kein Problem. Hunter? Melden Sie bitte dem gesamten Erkundungsteam, dass es sich bereitmachen soll! Außerdem soll im Hangar ein Shuttle startbereit sein.“

Hunter: „Jawohl, Commander.“

Raven: „Carter? Da Sie auch mitgehen, begeben Sie sich bitte zur Waffenkammer und lassen sich ausrüsten! Wir treffen uns in 15 Minuten unten im Hangar.“

Carter: „Alles klar.“

Die Black-Arrow fliegt über den Atlantik. Hinter ihr verschwindet die trockene Wüste, jedoch kommt vor ihnen ein weiterer Sturm auf. Es ist ein Hurrikan. Plötzlich fällt starker Regen vom Himmel und kräftige Windböen peitschen gegen die Außenwand des Schiffes. Carter packt in seinem Quartier derzeit seine Sachen zusammen und stopft sie in einen eigentlich viel zu kleinen Rucksack, darunter natürlich auch eine Kamera.

Das Raptor-Team hat sich bereits mit voller Montur im Hangar gesammelt und diskutiert über ihre alte Ausbildung. Im Gegensatz zu Raven haben alle drei Soldaten ein hartes Auswahlverfahren und jahrelange Ausbildungen hinter sich. Doch nun ist Raven der Anführer des Teams. Er macht seine Arbeit sehr gut, allerdings glauben viele andere Soldaten, dass er diese Position in einer militärischen Spezialeinheit gar nicht verdient hätte, obwohl er vier Jahre auf einem fremden Planeten gestrandet war und dort angeblich die Hölle überlebt hat. Trotz allen Zweifeln von außen funktioniert dieses Team aus Kommandosoldaten einwandfrei. Das Raptor-Team hat bereits mehrmals, während ihrer Zeit beim Eden-Militär gegen Plünderer und Terroristen kämpfen müssen sowie gegen Soldaten der interplanetaren Autokratie des Planeten Asgard, welche sich als Imperium versteht. Die sogenannte „Garde“ ist das Militär dieses Imperiums. Asgard ist damit der Auslöser für den größten Krieg seit Menschengedenken, mit unzähligen Verlusten, einer Armee aus Androiden und systemübergreifenden Kämpfen.

Kyra Hades packt inzwischen im Gewächshaus einige Laborinstrumente ein, bindet ihre langen, braunen Haare zusammen und begibt sich ebenfalls zur Waffenkammer. Dort trifft sie wieder auf Carter. Die beiden wechseln allerdings kein einziges Wort miteinander, sondern sie legen nur ihre Ausrüstung für den Einsatz an. Für beide der erste Außeneinsatz, der gefährlich sein könnte. Hades hatte zuvor nur auf ein paar Planeten Pflanzenproben gesammelt und analysiert. Für Carter war alles neu. Als Geschichtsdozent und Historiker hatte er niemals Kontakt zum Militär. Obwohl die Black-Arrow als ein unabhängiges Erkundungsschiff angesehen wird, zählt es immer noch zu den Streitkräften der Eden-Flotte. Carter fühlt sich dementsprechend, als wäre er auf einem Kriegsschiff.

Die Black-Arrow wurde durchaus bereits für Kampfeinsätze gegen Plünderer und die Garde benötigt. Neben der hohen Ladekapazität ist sie nämlich auch mit unzähligen Waffen bestückt. Der Hauptauftrag der Crew ist allerdings, nach unerschlossenen Lebensräumen und ressourcenreichen Planeten zu suchen. Nebenbei werden sie aber oft von Firmen angeheuert, um Waren auszuliefern oder Forschung zu betreiben. Immer öfter kommt es dabei auch zu Militäreinsätzen. Allerdings besteht die Crew der Black-Arrow nicht ausschließlich aus Soldaten oder anderen Angehörigen des Militärs, sondern auch aus diversen Wissenschaftlern und Ärzten.

Während die Regierung von Eden auf Initium Novum die unabhängigen Dienste von Raven akzeptiert, wollen viele korrupte und kriminelle Organisationen die Macht über sein Schiff. Daher sind die Sicherheitsmaßnahmen bei einem längeren Aufenthalt auf einem Planeten üblicherweise sehr hoch. Das ist auch ein Grund, weshalb der Commander sein Schiff lieber in großer Höhe oder im Orbit von Initium Novum fliegen lässt, anstelle es irgendwo ungesichert zu landen. Die Tatsache, dass die Black-Arrow das Schiff einer verschollenen Alien-Spezies ist, wurde schon fast komplett verdrängt. Das Schiff unterscheidet sich nur geringfügig von den heutigen Raumschiffen. Doch nur Raven kennt dessen Geheimnisse. Und diese behält er gut für sich. Über seine Vergangenheit auf Utopia, hat er öffentlich ebenfalls noch keinerlei detaillierten Aussagen getätigt. Vielleicht wegen eines Traumas? Oder hat es doch andere Gründe, das Schicksal eines ganzen Kreuzers zur Kolonialisierung zu verschweigen?

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